RSV Göttingen 05

Der RSV Göttingen 05 steht in der Tradition des 1. SC Göttingen 05, der 2003 nach einem negativ verlaufenden Insolvenzverfahren aufgelöst wurde. Auch die AHU sieht sich in der Tradition des 1. SC 05, dessen Anhänger die meisten AHU-Mitglieder einst waren. Tradition never dies!

Die Geschichte des RSV Göttingen 05 und des 1. SC Göttingen 05 sind daher für uns untrennbar miteinander verbunden. Zugleich pflegen und achten wir die Tradition des RSV Geismar, unseres Fusionspartners aus dem Jahr 2005, auf dessen Sportplatz an der Benzstraße wir eine geliebte Heimat fanden, dessen Grün wir stolz in unseren Farben tragen und dem wir das wunderschöne „Rasensportverein“ verdanken.

RSV GÖTTINGEN 05

In jedem Ende steckt ein Anfang. Ne, ne, wir wollen hier nicht philosophisch werden, ’s geht ja schließlich um Fußball. Aber unser Anfang war eben auch ein Ende. 2003 endete die Geschichte des 1. SC Göttingen 05, und die des RSV Göttingen 05 begann. Zunächst als RSV Geismar, denn 2004/05 spielten wir noch unter dem Namen unseren späteren Fusionspartners. „Wir“, das war der 1. FC Göttingen 05, entstanden aus der Jugend- und Fanarbeit des zertrümmerten 1. SC 05.

Die Konstellation war klar: Der RSV Geismar hatte nach seinem Abstieg aus der Bezirksliga 2004 fast seine komplette Mannschaft verloren. Der 1. FC 05 hingegen verfügte über ein streitbares Team, musste aber als neuer Verein ganz unten – 2. Kreisklasse – anfangen. Zwischen Geismar und dem alten 1. SC 05 bestand eine bewährte Kooperation im Jugendbereich, die schließlich die Weichen zum Zusammenschluss stellte.

2004/05 in der Bezirksklasse als RSV Geismar auflaufend, kam es am 1. Juli 2005 zur Fusion des RSV Geismar und des 1. FC Göttingen 05 zum RSV Geismar-Göttingen 05 – kurz: RSV Göttingen 05. Von Seiten der Geismarer wurde die Form des Vereinslogos, das „Rasensportverein“ und die Farbe Grün übernommen. Der 1. FC 05 steuerte die magische Zahlenkombination „05“ sowie die Farben Schwarz und Gelb bei, die zugleich Göttingens Stadtfarben sind. Sportliche Heimat wurde der RSV-Platz an der Benzstraße in Göttingen-Geismar. Mit Hilfe von Sponsoren und Mitgliedern der Fanszene wurde dort eine Tribüne in Eigenarbeit errichtet.

Der sportliche Aufstieg zog sich etwas dahin. 2005/06 ging es zwar als Meister der achtklassigen Bezirksklasse Braunschweig direkt hinauf in die Bezirksliga, wo sich der TSV Landolfshausen jedoch als streibarer Rivale entpuppte und der 05er Fanszene einige epische wenngleich sportlich nicht allzu erfreuliche Begegnungen bescherte. Die schwarz-gelb-grüne Horde reiste derweil in üppiger und fröhlicher Besetzung zu Spielen in Örtchen wie Amelsen, Wulften oder Harste, verbreitete dort Angst und Schreck… äh Freude und Gesänge und füllte den gegnerischen Klubs die Kassen. Der nächste Aufstieg ließ jedoch bis zum Jahr 2007/08 warten, als der RSV 05 Meister der Bezirksliga Braunschweig wurde und damit in die höchste Spielklasse des Bezirks Braunschweigs aufstieg. Wir waren zumindest wieder sechstklassig!

Nach einem vierten und einem fünften Platz, diversen Trainer- wie Spielerwechseln und zahlreichen legendären Matches (darunter eine grandiose Pokalsaison, in der wir sämtliche höherklassigen Teams der Region rauspfefferten) gelang 2010/11 endlich die ersehnte Rückkehr in die Fünftklassgkeit, in der der 1. SC 05 zum Zeitpunkt seiner Auflösung gekickt hatte. Unvergessen das Lokalderby im Mai 2011 auf der Spielwiese am Sandweg bei der selbsternannten Alternative, jenem Verein ohne Namen, der sich vor 2.500 fast ausschließlich Schwarz-Gelb-Grünen die Meisterchancen beim 1:1 vollends abschminken konnte. Seit jenem legendären Abend sind unsere Rufe „Die Nummer 1 der Stadt sind wir“ und „05 ist die Fußballstadt“ wieder allgemein anerkanntes Göttinger Fußballkulturgut.

Der Aufstieg in die Oberliga Niedersachsen brachte den Abschied vom liebgewonnenen Sportplatz Benzstraße mit sich. Seitdem kickt der RSV 05 im Jahnstadion, wo einst auch der 1. SC 05 auflief und viele große Erfolge feierte.

Solo RSV 05 e basta!

Kulisse beim Lokalderby am Sandweg

  1. SC GÖTTINGEN 05

Der 1. SC Göttingen 05 gehörte über viele Jahrzehnte zu den erfolgreichsten und populärsten Fußballklubs in Norddeutschland. Nachstehendes Porträt über den Klub ist entnommen dem Buch „Legendäre Fußballvereine Norddeutschland“ von Hardy Grüne (AGON Sportverlag, Kassel, 2004)

Vom schleichenden Tod eines großen Vereins

Sollte eines Tages ein Film über den ruhmreichen 1. SC Göttingen 05 gedreht werden, trägt er vermutlich den Titel „Stirb langsam“. Entgegen des großen Vorbildes aus der Thrillerfabrik Hollywood würde in dem Streifen allerdings nicht wild umher geschossen, sondern der zähflüssige Prozess des Dahinsiechens eines Fußballvereins geschildert, dessen zentrales Problem stets das fehlende Geld war.

Statistisch korrekt verortet werden kann der Beginn des eigentlichen Sterbeprozesses am 28. Mai 2001, als der am Tag zuvor nach einem 2:2 in Ihrhove zum Oberligameister gekürte Klub Insolvenz anmeldete. Insider rücken den Tag X jedoch viel weiter in die Vergangenheit – in das Jahr 1996 beispielsweise, als man dem Tod durch Konkurs schon einmal und mit nur knapper Not davonkam, oder gar 1991, als eine mit viel Geld und wenig Fingerspitzengefühl zusammengestoppelte Mannschaft in der Aufstiegsrunde zur 2. Liga scheiterte.

Der eigentliche Todeskampf dauerte satte zwei Jahre und endete am 27. September 2003, als 05 letztmalig um Punkte stritt (1:1 gegen den MTV Wolfenbüttel). Letzter Auftritt war ein freundschaftlicher Kick mit den eigenen Fans, die ihren Lieblingen mit 2:13 unterlagen und mit denen man sich anschließend der gemeinsamen Frustbewältigung hingab.

Wie bei jener, waren auch bei der Vereinsgründung alkoholische Getränke im Spiel. Am 30. Juni 1905 hatten sich einige höhere Schüler zusammengefunden, um in der Gaststätte „Zum Anker“ den Göttinger Fußball-Club ins Leben zu rufen. Jener war Nachfolger eines bereits 1898 gegründeten gleichnamigen Klubs, der zwischenzeitlich still und leise eingeschlafen war. Diesmal klappte es besser, schlug Fußball auch in der Universitätsstadt Wurzeln. Noch vor dem 1. Weltkrieg etablierten sich die Schwarz-Gelben im Oberhaus von Hessen-Hannover und vermochten nach Kriegsende schließlich zu den Klubs aus dem benachbarten Kassel aufzuschließen (man gehörte gemeinsam zum Westdeutschen Spielverband). Überaus hilfreich waren dabei gute Verbindungen zur örtlichen Reichswehr, durch die Verstärkungen wie Horst Hinke oder Karl Musiatowski angelockt werden konnten.

1932 hofften die ab 1921 unter „1. SC 05“ firmierenden Schwarz-Gelben um Außenstürmer ”Knoten” Müller sogar erstmals auf den Einzug in die Endrunde um die ”Westdeutsche”, gingen jedoch aus dem Duell gegen Borussia Fulda nur als zweiter Sieger hervor (0:3, 1:4). Trostpflaster war die Rekordkulisse von 3.000 Zuschauern im 1926 eingeweihten Maschpark.

1933 wurde die Region dem Gau Niedersachsen zugeschlagen und 05 in die dortige Gauliga aufgenommen. Das bedeutete einerseits eine hilfreiche Weichenstellung im Ringen um die lokale Nummer eins mit der proletarischen Spielvereinigung 07 (die zeitgleich in die Zweitklassigkeit verbannt wurde), andererseits jedoch Gegner, deren Spielstärke die der 05er übertraf. Folge war ein unerquickliches Fahrstuhldasein: Für die Bezirksklasse war man zu stark, für die Gauliga zu schwach. Tiefpunkt war die Spielzeit 1936/37, als die just ins Oberhaus zurückgekehrte Elf mit einem 0:8-Debakel in Braunschweig die Saison eröffnete, sich in der darauf folgenden Woche ein 2:2 gegen Mitaufsteiger Wilhelmsburg 09 erkämpfte und in den folgenden 16 Spielen keinen einzigen Zähler mehr errang. Anschließend kam mit Bernhard Kellerhoff (1932 Deutscher Meister mit Eintracht Frankfurt) erstmals ein Trainer in den Maschpark, wo man 1940 die neuerliche Rückkehr ins Oberhaus feiern konnte. Nach drei Jahren leidenschaftlichem Abstiegskampf ging es 1943 abermals hinunter, und die SVG 07 übernahm vorerst die lokale Führungsrolle.

Nach Kriegsende wurde aus der Fußballdiaspora Göttingen eine Hochburg. Durch Ansiedlung von Heimatvertriebenen verdoppelte sich die Einwohnerzahl, wobei unter den Neubürgern auch eine stattliche Anzahl talentierter Fußballer war. Der umtriebigen 05-Führung gelang es, viele von ihnen in den Maschpark zu locken und damit einen mitreißenden Höhenflug einzuleiten. Es begann am 2. Februar 1946, als ein richtungweisender 4:1-Sieg über Lokalrivale SVG glückte, der den 05ern nicht nur das Tor zur Oberliga Niedersachsen-Süd öffnete, sondern die lokalen Weichen langfristig zu ihren Gunsten stellte. Zwar verpassten die Schwarz-Gelben 1947 die Qualifikation zur neuen Oberliga Nord, holten Versäumtes jedoch im Sommer 1948 nach. Unter Trainer Karl Willnecker gelang ein 3:0 im Entscheidungsspiel über den Itzehoer SV, der den Sprung ins norddeutsche Oberhaus perfekt machte. „05 hatte ‚Musik‘ in seinem Spiel, und hatte, was nicht ganz unwesentlich war, auch die anfeuernde ‚Begleitmusik‘ von 1.000 und mehr Parteigängern“, wies die »Göttinger Presse« auf das zwischenzeitlich ausgebrochene Fußballfieber in der Unistadt hin.

Der Aufschwung setzte sich 1948/49 fort. Der während der Sommerpause eilig ausgebaute Maschpark wurde durchschnittlich von mehr als 11.000 Zuschauern besucht (höchster Schnitt der Vereinsgeschichte), wobei der Höhepunkt am 23. Januar 1949 erreicht wurde, als dem Gastspiel der St. Pauli-Wunderelf über 17.000 Zahlende beiwohnten. Die Fans kamen nicht nur aus Göttingen – aus dem Harz, dem Eichsfeld, dem Solling und selbst aus Kassel rollten regelmäßig Sonderzüge an, und die schmalen Fußwege zwischen Bahnhof und Maschpark waren an Spieltagen regelrecht schwarz vor Menschen.

Sportlich fiel die Etablierung im Oberhaus indes schwer. Am Saisonende stand man auf einem Abstiegsplatz und verdankte den Klassenerhalt nur dem Beschluss, die Oberliga in eine Halbprofiliga umzuwandeln und sie auf 16 Teilnehmer aufzustocken. Zwischenzeitlich hatte jedoch auch die lokale Wirtschaft die Gunst der Stunde erkannt und sich verstärkt bei den Schwarz-Gelben engagiert. Brauereibesitzer Alfons Quatz beispielsweise übernahm 1949 den Vorsitz und schuf in der Folgezeit Möglichkeiten, mittels attraktiver Arbeitsplätze auswärtige Kräfte wie den Münchner Helmuth Sembritzki nach Göttingen zu locken. Wichtiger jedoch war die Jugendarbeit. 1949 sicherten sich die schwarz-gelben Junioren die Niedersachsenmeisterschaft und lieferten frisches Blut für die Oberligaelf. Deren Betreuung übernahm im Lauf der Saison 1949/50 der erst 25-jährige Gustav Brust, ein Herberger-Schüler, der zuvor beim westdeutschen Oberligist Preußen Dellbrück zwischen den Pfosten gestanden hatte. Brust erwies sich als Glücksgriff für die 05er, die am 23. April 1950 mit einem 2:1-Sieg auf der gefürchteten Lübecker Lohmühle vorzeitig den Klassenerhalt feiern konnten.

1950/51 drang man dank Verstärkungen wie Koschinski (aus Katernberg) und Graf (aus Wolfsburg) erstmals in die Spitzengruppe vor. Größter Tag war der 15. Oktober 1950, als die auf Rang 2 liegenden 05er zum Gipfeltreffen gegen Tabellenführer Hamburger SV baten. Vor mehr als 22.000 Zuschauern – Rekordkulisse bis 1982 – lieferte man eines der besten Spiele der Vereinsgeschichte und erklomm mit einem 2:0 die Tabellenspitze. „Eine ganze Stadt stand hinter ihrem Club“, befand das Fachblatt »Sport« und schrieb: „Ganz Göttingen jubelt! Göttingen 05 hat die Spitze in der Oberliga Nord erkämpft. Wie lange es dauern wird? Die Göttinger verstehen zu kämpfen. Wehe dem, der jetzt nach Göttingen muss!“

Verletzungspech warf die Elf um die Nord-Auswahlspieler „Pit“ Gunkel und Walter Müller im weiteren Verlauf jedoch zurück, so dass die heimlichen Träume von der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft nicht erfüllt wurden. Platz 9 stellte dennoch die bis dato beste Platzierung der Vereinsgeschichte dar. Der unerwartete Erfolg hatte freilich Begehrlichkeiten geweckt. Verein, Fans und Stadt gaben sich nun nicht mehr wie bisher mit der Rolle eines bescheidenen Abstiegskandidaten zufrieden, sondern wollten Kontakt zu den führenden Klubs im Norden aufnehmen. Zur Verwirklichung dieses Zieles wurde zur Spielzeit 1951/52 mit Fritz Rebell ein neuer Coach angeheuert, in dessen Folge oberligaerfahrene Akteure wie Torhüter Skudlarek und Verteidiger Kling kamen und die sportliche Wettbewerbsfähigkeit der Unistädter spürbar verbesserten. Mit Platz 6 konnte man 1951/52 erstmals Klubs wie Werder Bremen, Holstein Kiel und Hannover 96 hinter sich lassen und war zweitbestes niedersächsisches Team nach dem VfL Osnabrück.

1952/53 ging die Erfolgsstory weiter. Zwar waren mit Gunkel und Müller zwei Leistungsträger nach Münster gewechselt, doch dank Talenten wie „Kalle“ Wasch sowie dem Ungarn Stefan Roszali avancierten die Schwarz-Gelben zum Überraschungsteam. Am Ende sprang mit Platz 5 die beste Position der Vereinsgeschichte heraus, stellte man mit Günther Schlegel erstmals den Torschützenkönig (26 Treffer) und hatte sich tatsächlich in der Spitzengruppe etabliert.

Doch dem sportlichen Aufschwung standen große Sorgen gegenüber. Der Zuschauerschnitt stagnierte bei 8.000, die auf Bildung ausgerichtete lokale Infrastruktur beschränkte den Kreis der Förderer auf den Mittelstand, und auch der komfortlose Maschpark (keine Tribüne, kaum Sitzplätze) bereitete zunehmend Sorgen. Die Skeptiker, die orakelten, 05 würde angesichts der zunehmenden Professionalisierung mittelfristig aus dem Spitzenfußball ausscheiden, behielten tatsächlich Recht. Als 1953 mit Mittelstürmer Schlegel erneut ein Leistungsträger abgegeben werden musste (zum HSV), rutschte man auf Rang 10 ab, und als 1954 eine „Fohlen-Elf“ um Kapitän Dr. Fuchs erneut nur Zehnter wurde, reagierte das Publikum mit Abstinenz: Nur noch 5.800 Fans wohnten den Auftritten im inzwischen unerträglich maroden Maschpark bei.

1955 trat der Peiner Willy Kipar die Nachfolge des nach Augsburg wechselnden Fritz Rebell an und führte die Elf zurück in einstellige Tabellenregionen (8.). Doch den Verein drückten inzwischen große Sorgen! Angesichts eines Schuldenberges von 40.000 DM wurde sogar über den Rückzug aus der Oberliga nachgedacht. Drei Jahre später gingen die Oberligalichter aus sportlichen Gründen aus. Eine in sich zerstrittene und bisweilen lustlos auftretende Mannschaft absolvierte am 6. April 1958 das wohl letzte Erstligaspiel auf Göttinger Boden und trennte sich vor 1.500 Unentwegten mit 1:1 vom VfL Wolfsburg.

Fritz Rebell

Anschließend übernahm der Leichtathlet Karl Eckold die Vereinsführung und steuerte 05 allmählich aus der Krise. Sportlich ging es zunächst allerdings beschaulich weiter. 1959 scheiterten die Schwarz-Gelben im Entscheidungsspiel um die Aufstiegsrundenteilnahme an Eintracht Osnabrück (0:1) und versanken anschließend im Mittelfeld. Während Fußball-Göttingen im Banne des Lokalkampfes zwischen 05 und SVG stand, bastelte die Führung um Obmann Horst Wolter still und heimlich an einem neuen Erfolgsteam. Ein erstes Ausrufezeichnen setzte das vornehmlich aus eigenen Nachwuchsakteuren bestückte und ab 1963 von Rückkehrer Fritz Rebell betreute Team am 30. Juni 1963, als im Endspiel um den Niedersachsenpokal ein 2:1-Sieg über Rot-Weiß Scheeßel gelang. Ein Jahr später feierten rund 1.000 nach Bremen-Blumenthal gereiste 05-Fans einen 1:0-Sieg ihrer Elf im Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die Regionalliga Nord über den VfL Pinneberg. „Mit den technischen Mitteln wird sich Göttingen 05 in der höheren Klasse zweifellos durchsetzen können“, gab Lokalpostille »GT« dem Team mit auf den Weg ins Vertragsspielerlager.

Schon 1964/65 avancierte die Elf um „Charly“ Sachse, ”Kurtchen” Krauß, Horst Medoch und „Ziege“ Mürdter zum Überraschungsteam der Regionalliga und wurde von der »Bild« ehrfürchtig „Göttinger Rebellen“ getauft. Jene sicherten sich mit modernem 4-2-4-System Platz fünf und erfreuten sich eines allseits beneideten Zuschauerschnitts von 4.300. Die heile Welt im Maschpark war wiederhergestellt und kannte fortan nur eine Richtung: Aufwärts. 1966 erregte 05 mit einem 4:1-Sieg am Hamburger Millerntor Aufsehen („Göttingen zeigte in Hamburg eine sensationelle Leistung. Die Mannschaft legte besonders in der ersten halben Stunde ein atemberaubendes Tempo vor, so dass St. Pauli Hören und Sehen verging“) und qualifizierte sich als Vizemeister erstmals für die Vorausscheidung zur Bundesliga-Aufstiegsrunde. Dort stoppte der 1. FC Saarbrücken den Siegeszug zwar, doch schon im Folgejahr waren die „Rebellen“ wieder da. Erneut Vizemeister im Norden geworden, bekam man in der Aufstiegsrunde gegen Offenbach, Aachen und Saarbrücken jedoch keinen Stich.

1967/68 wurde die durch Berking, Evers und Weiner verstärkte Elf zum dritten Mal in Folge Vizemeister und brillierte diesmal auch in die Aufstiegsrunde. Mit einem 3:0 über Geheimfavorit SV Alsenborn gelang am 18. Mai 1968 ein Traumstart, der 18.000 Fans im Ausweichquartier Jahnstadion restlos begeisterte. Die vermutlich beste Mannschaft der 05-Geschichte haderte jedoch mit ihrem Schicksal. Zwei der drei Auswärtsspiele fanden mittwochs statt, was die Feierabendprofis aus der Provinz gegenüber den Vollprofis aus Essen und Berlin benachteiligte. Außerdem zeigte man Konzentrationsschwächen und kassierte sowohl bei Hertha BSC als auch in Essen in buchstäblich letzter Sekunde noch Treffer zu den jeweiligen 0:1-Niederlagen. Am Ende wurde es nichts mit der Bundesliga, reichte es nur für einen undankbaren vierten Platz, der nichts von der eigentlichen Dramatik verrät und in der Retrospektive als „Zenit der Vereinsgeschichte” bezeichnet werden muss.

Unter all dem Jubel war zudem untergegangen, dass 05 zwischenzeitlich seine Heimat verloren hatte. Nach dem letzten Saisonspiel 1967/68 (7:0 gegen Sperber Hamburg) war die einem Straßenbau geopferte Spielstätte für immer geschlossen worden. Während die Regionalligaelf ins ungeliebte weil weitläufige Jahnstadion umzog, verhandelte 05 mit der Stadt Göttingen um einen ”neuen” Maschpark an anderer Stelle. Es kam zu einem Dauerstreit, unter dem der gesamte Verein ins Wanken geriet. Weil die Stadt zögerte, baute 05 schließlich auf eigene Kosten, verschuldete sich dadurch bis über beide Ohren und geriet zu allem Übel in eine sportliche Krise, die die ohnehin sinkenden Zuschauerzahlen im Ausweichdomizil Jahnstadion weiter abrutschen ließ.

Erst unter dem 1971 engagierten früheren Gladbacher Bundesligaspieler „Kaschi“ Mühlhausen und nach Bezug des neuen Maschparks (am 13. Februar 1971 vor 4.000 Fans mit einem 6:0 über Itzehoe eingeweiht) gelang allmählich die Konsolidierung. Die Hoffnungen auf ein erneutes Erreichen der Bundesligaaufstiegsrunde konnten sich die 05er jedoch ebenso abschminken wie die auf den adäquaten Ausbau des Maschparks, der Zeit seiner Existenz ein Provisorium blieb. 1974 mussten die Schwarz-Gelben angesichts drückender Finanzsorgen (monatelang drohte gar der Konkurs) und neuerlicher sportlicher Krise (1973/74: Platz 12) sogar froh sein, einen Platz in der 2. Bundesliga-Nord zu bekommen, der nach langen Beratungen ob des finanziellen Risikos schließlich auch in Anspruch genommen wurde.

Völlig überraschend begann damit eine neuerliche Erfolgsära. Das unter Halbprofibedingungen arbeitende und vom langjähgrigen Kölner Stopper Reinhard Roder trainierte Team aus namenlosen Talenten und in der Bundesliga gescheiterten Akteuren wie Hansing und Plaggemeyer etablierte sich blendend in der Halbprofiliga und sorgte für grenzenlose Begeisterung. Nach einem 5:2-Heimerfolg (allerdings im Jahnstadion, weil der Maschpark nicht zweitligatauglich war) über Olympia Wilhelmshaven schwärmte selbst das ansonsten eher zurückhaltende »GT«: „10.000 ließen ihrer Begeisterung freien Lauf, sangen, was die Kehle hergab und überschütteten die 05er auf dem Weg in die Kabine mit Ovationen.“ Es kam noch besser, denn nach einem 2:2 im Dortmunder Westfalenstadion bejubelten 500 mitgereiste Fans sogar den Sprung an die Tabellenspitze und in Göttingen kursierten plötzlich wieder Erstligaträume. Weil der von Bayern München umworbene Torjäger Schonert in der Rückrunde seinen „Killergeist“ verlor, reichte es am Ende indes „nur“ zu Platz 10, womit freilich mehr als anfangs erhofft erreicht worden war.

1975/76 lief 05 als Elfter nur unwesentlich schlechter ein, doch die Begleitumstände hatten sich dramatisch verändert. Der Zuschauerschnitt war im Vergleich zur Vorsaison halbiert worden (nur noch 3.200), und wenige große Tage (wie beispielsweise beim 3:0 gegen Borussia Dortmund vor 6.500 im Jahnstadion) standen vielen trüben gegenüber. 1976/77 kam das Aus. Diverse Leistungsträger kamen erst wenige Tage vor dem Saisonstart ausgepumpt und angeschlagen von der Studenten-WM im fernen Uruguay zurück, die Kasse war gähnend leer und als dann auch noch der Saisonstart in die Hose ging, überschlugen sich die Ereignisse. Dieter Hochheimer musste zur Abwendung des Finanzkollapses an TeBe Berlin veräußert werden, im Dezember löste Bernd Oles Erfolgscoach Roder ab, und am Ende reichte selbst ein 3:1-Heimsieg über Fortuna Köln nicht zum Klassenerhalt, weil Kontrahent Bonn zeitgleich gegen Leverkusen gewonnen hatte. Der Abstieg korrespondierte mit dem wirtschaftlichen Offenbarungseid. Selbst als sich nach Bonns Lizenzentzug die Möglichkeit des Nachrückens ergab, winkte das Präsidium ab und setzte stattdessen auf Neuaufbau im Amateurlager.

Der gelang. 1977/78 spielte sich ein völlig neues Team um das Stürmerduo Kurt Pinkall (kam aus Scheeßel) und „Bomber-Bernd“ Brendel in die Herzen der Fans, scheiterte auf dem Weg zurück in Liga 2 jedoch an Viktoria Köln und Wanne-Eickel. 1980 klappte es besser. Nach einem 1:0-Hinspielsieg über Berlins Meister BFC Preussen machte Torjäger Harald Snater im Berliner Preussenpark mit seinem Kopfballtreffer zum 1:1 die Rückkehr ins Profilager perfekt. Doch zwei Wochen später kam der Schock: Der DFB beschloss die geplante Zusammenfassung der beiden Zweitligastaffeln schon zur Saison 1981/82, womit 05 quasi von vornherein als Absteiger feststand. Am Ende hätte Platz 18 freilich auch sportlich nicht gereicht.

Nach Jahren der Tristesse – unterbrochen nur von erfolgreichen Pokalauftritten gegen den HSV (1982, 2:4, vor der bis heutige gültigen Rekordkulisse von 23.650) und Eintracht Frankfurt (1984, 4:2) – kehrte erst 1988/89 die Hoffnung zurück. Angeführt von einem ehrgeizigen Präsidenten (Unternehmer Jürgen Beinling) sowie einem namhaften Trainer („Charly“ Mrosko) eroberte das Team um Bruno Akrapovic, die Köppe-Brüder, „Turbo“ Schulz sowie Lutz Lillig das Publikum zurück und stürmte in die Aufstiegsrunde, wo ein einziger Punkt zur Rückkehr ins Profilager fehlte. Höhepunkt war ein 1:1 vor 10.000 Fans gegen den MSV Duisburg. Der Stachel der Enttäuschung saß tief. Trainer Mrosko schied nach einem Streit mit dem bisweilen etwas poltrigen Präsidenten Beinling, und als 05 1990/91 erneut die Aufstiegsrunde erreichte, stand eine völlig andere Mannschaft auf dem Platz. Nicht mehr Kollektiv und Teamgeist (wie 1989) waren Trumpf, sondern Eitelkeiten und Stargehabe. Nach einer 0:1-Niederlage in Remscheid erloschen die Zweitligaträume vorzeitig – und zwar für immer. Vier Jahre später hatte 05 sämtlichen Kredit bei Fans und Förderern verspielt und musste nach einer 1:2-Heimniederlage gegen den FC Bremerhaven erstmals in die Viertklassigkeit. „Ich befürchte, dass der Abstieg meiner Mannschaft für den Verein tödlich sein könnte“, orakelte der zwischenzeitlich zurückgekehrte „Charly“ Mrosko.

Mrosko schien Recht zu behalten. Schon im Februar 1996 drohte plötzlich der Konkurs, der dank einiger Gönner jedoch verhindert werden konnte. Sportlich gelang derweil unter Trainer Hellmich die geradezu wundersame Rückkehr in die Regionalliga, wo sich das vornehmlich aus regionalen Talenten bestückte Team überaus tapfer schlug und nach einem 0:0 bei Meister Hannover 96 vorzeitig den Klassenerhalt feierte. 1997/98 gingen die Lichter erneut aus. Tohuwabohu auf der Führungsebene, der Verkauf der Leistungsträger Dietrich und Zekas sowie ein dramatischer Zuschauerrückgang mündeten in der sportlichen wie wirtschaftlichen Katastrophe (13 Punkte, kaum 600 Fans pro Spiel).

Als das Aus endgültig unvermeidlich schien, gelang das neuerliche Wunder. Mit Joachim Krug wurde ein polyglotter Fachmann verpflichtet, der seine Kontakte spielen ließ und eine „Weltauswahl“ aus sechs Nationen zusammenstellte, die nach einem 7:1 über den MTV Gifhorn gemeinsam mit rund 2.500 Fans die Rückkehr in die Regionalliga feierte. Dort vermochte sich das Team um Rückkehrer Tobias Dietrich, Eigengewächs Markus Stanko sowie Esmir Muratovic prächtig zu schlagen und verpasste nur knapp die Nordstaffel der neuen 3. Liga.

Am 9. Juni 2001 war auch jene schließlich erreicht – zumindest sportlich. In den Relegationsspielen gegen Holstein Kiel revidierten die inzwischen von Frank Eulberg trainierten Unistädter ihre 0:2-Hinspielniederlage vor über 7.000 restlos begeisterten Fans mit einem fulminanten 3:0 und feierten den Sprung in die Regionalliga. Doch zwei Tage später kam die Rote Karte vom DFB, und Holstein Kiel rückte nach.

Hintergrund waren die seit 2000 völlig gestörten Finanzverhältnisse. Seinerzeit war eine Gruppe unbekannt bleibend wollender Sponsoren aufgetreten und hatte versprochen, „die kränkelnde Legende Göttingen 05 darf man nicht sterben lassen“. In der Tat hatte die dubiose Gruppe (deren Sprecher Mahnke: „Sie sind wie Engel über Göttingen”), hinter der der einst in Göttingen studierende „Sportwelt“-Chef Michael Kölmel steckte, nicht nur die Schulden getilgt, sondern den Verein mit reichlich flüssigen Mitteln auch wieder in Gang gebracht. Als Kölmel allerdings nach seinem Börsencrash die Zahlungen an 05 quasi über Nacht einstellte, brach dort das große Wehklagen aus, und vier Tage vor dem ersten Aufstiegsspiel gegen Kiel hatte man ein Insolvenzverfahren eröffnen müssen.

Was folgte, war eine geradezu absurde Provinzposse mit dem Resultat des eingangs erwähnten „langsamen Todes“. 2001/02 spielte das Team sportlich zunächst aussichtsreich in der Spitzengruppe mit, derweil die finanzielle Situation immer unübersichtlicher wurde. Zur Halbserie mussten schließlich gleich sechs Leistungsträger (darunter Najed Braham) verkauft werden, woraufhin es nur zu Platz neun langte. 2002/03 ging die Talfahrt weiter, als eine in sich zerstrittene Mannschaft unter dem sichtlich überforderten Trainer Peter Lübeke sogar in den Abstiegsstrudel geriet, aus dem sie nicht mehr herauskam. Parallel zum erstmaligen Absturz in die 5. Liga gab es Streit mit Insolvenzverwalter Naraschewski, der zunächst abgelöst wurde, sich dann aber wieder in sein Amt klagte, wodurch das Ende des Insolvenzverfahrens immer weiter hinausgezögert wurde.

Das bittere Ende vom traurigen Lied war das negative Votum der Gläubigerversammlung, die am 18. September 2003 für das Aus des Traditionsvereins sorgte. Zum letzten offiziellen Auftritt gegen Wolfenbüttel verabschiedete sich der 98-jährige Todeskandidat vor lediglich 250 Fans und verschwand von der Vereinsbühne.

Zur Rettung der ausgezeichneten Jugendarbeit wurde der 1. FC Göttingen 05 gegründet, der im Sommer 2004 einen Neubeginn in der Kreisliga startete.

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